Sehnsucht unter Neonlichtern: City Pop

Sehnsucht unter Neonlichtern: City Pop

Über die Schönheit vergangener Zukunftsversprechen, Liebe aus Plastik und den Soundtrack zur hyperrealen Großstadt: Eine Annäherung an das musikalische Phänomen „City Pop“.

„Bitte liebe mich nicht ernsthaft. Es ist gut so, wenn wir das übliche Spiel der Liebe genießen“: Mehr als 30 Jahre sind vergangen, seit die Sängerin Mariya Takeuchi diese Zeilen zum ersten Mal sang. Die 1984 veröffentlichte Single mit dem Titel “Plastic Love” erzählt von einer jungen Frau, die tagein, tagaus in die Disco geht, Männer kennenlernt und mit diesen in die Nacht entschwindet. „Tag und Nacht haben sich verkehrt“, bemerkt sie. Doch in jedem ihrer Eroberungen sucht sie auch nach dem Bild ihrer verlorenen großen Liebe. Als sie den Kopf über ihrem Cocktailglas senkt, fallen Tränen hinein.

Die funkige, leichtfüßig und geschmeidig daherkommende Discoballade, in der Ausgelassenheit und Wehmut ineinanderfließen, lässt auch den Hörer in Gedanken durch großstädtische, in gleißendes Neonlicht getauchte Nächte streifen. Tatsächlich entstand das Lied zu einer Zeit, als die Wirtschaft Japans einen Boom erlebte und man sich nach mühevoller Büroarbeit besonders ausgelassen ins urbane Nachtleben stürzte. Bis zum Platzen der Immobilienblase im Jahr 1991, die in eine Rezessionsphase mündete, prägte ein optimistisches „höher, schneller, weiter“ das Lebensgefühl vieler Japaner.

Schwerelose Leichtigkeit

Plastic Love, und mit ihm viele andere popmusikalische Werke dieser Ära, strahlen ein großstädtisches, kosmopolitisches Flair aus. Während die Stilrichtung des Enka, des volkstümlichen Schlagers, auch in den 50er und 60er Jahren noch deutlicher von japanischen Musiktraditionen geprägt gewesen war, dominierten seit den späten 70ern Einflüsse von Jazz, Funk, Soul oder auch Easy Listening. Sie verleihen jener Musik, der im Nachhinein der wenig präzise und daher umstrittene Genremantel „City Pop“ umgehängt wurde, eine ins Schwerelose, in ihren schwachen Momenten auch ins Banale neigende Leichtigkeit.

Während all dies wie eine Geschichte aus längst vergangenen Zeiten anmutet, erlebt “Plastic Love” seit dem vergangenen Jahr ein fulminantes (Internet)revival. Dieses findet derzeit vor allem außerhalb Japans statt: Während sich Mariya Takeuchi in ihrem Land seit jeher großer Popularität erfreut, wurde sie den meisten ihrer westlichen Hörer erst bekannt, nachdem ein Youtube-Kanal namens Plastic Lover ihr Lied im Juli 2018 hochgeladen und es mit einem bereits 1980 aufgenommenen Foto der strahlend lächelnden Sängerin versehen hatte. Auch der Youtube-Algorithmus, der das mittlerweile mehr als 23 Millionen mal aufgerufene Lied vielen Nutzern als Empfehlung anzeigte, trug laut Medienberichten stark zu seiner Verbreitung bei. Mittlerweile wurde jene Fassung (anscheinend aufgrund von Urheberrechtsansprüchen) gelöscht; der Song ist jedoch auf zahlreichen anderen Kanälen zu finden.

Nicht erst, seit ein japanischer Fernsehsender von einem westlichen Touristen berichtete, der zwecks Jagd nach City Pop-Platten ins Land reiste, stehen auch dort entsprechende Werke – berühmte, wie etwa von Takeuchis Ehemann Tatsuro Yamashita, aber auch weitgehend vergessene – wieder prominent in den Regalen der  Plattenläden. Auch in Japan selbst findet die 80er-Jahre-Nostalgie zahlreiche Anhänger.

Die Warenästhetik der Großstadt

Die Wiederentdeckung der urbanen Musik aus den Bubble-Jahren mag auch der Sehnsucht nach einem naiven, auf das Vertrauen in einen krisenfesten Kapitalismus gründenden Zukunftsoptimismus geschuldet sein. Als die Lieder entstanden, wuchsen die Wolkenkratzer in den Himmel und es schien, als könne es noch ewig so weitergehen. Der japanische Konsum-Kapitalismus brachte in immer schnellerer Abfolge Mode-, Kosmetik- und sonstige Trends hervor; katalogartige Lifestyle-Zeitschriften dienten als Handbücher für all jene, die dem jeweils allerneuesten Schrei hinterherlaufen wollten. Somit steigerte sich in jener Zeit in Japan eine Entwicklung, die in vorangegengenen Jahrzehnten auch schon von Theodor W. Adorno, Max Horkheimer und anderen beschrieben worden war (die Stichworte lauten hier etwa “Kulturindustrie” und “Warenästhetik”): Mehr und mehr der produzierten Güter wurden nicht mehr in erster Linie unter dem Gesichtspunkt ihres realen Gebrauchswerts beurteilt und erworben. Immer wichtiger wurde stattdessen die von den Produzenten miterschaffene Aura, die die Produkte umgab und ihren Käufern einen Distinktionsgewinn versprach.

In den von Großkonzernen hochgezogenen Kaufhaus- und Büroturmlandschaften wirkten die Stadtbewohner bisweilen wie Statisten in einer Kunstwelt, die wirklicher (und verheißungsvoller) schien als die im Verschwinden begriffene Wirklichkeit der Großstädte selbst – sofern es eine solche zuvor gegeben haben sollte. Wer mehr über die „hyperreale“ Konsumästetik und die vorherrschenden postmodernen Denkströmungen jener Zeit erfahren möchte, sollte einen Blick in Yumiko Iidas ausgesprochen informatives Werk Rethinking Identity in Modern Japan werfen (Routledge, 2013, zu den 1980ern insbes. S. 172-186: „The triumph of ‘postmodern surface’ and the displaced self: hyperreal society, commodified identity and joyful wisdom“).

Im Cabrio an den Strand

Fernab des theoretischen Überbaus bieten die Höhepunkte des Citypop-Genres auch einfach herausragenden Hörgenuss. Neben den Songs der erwähnten Mariya Takeuchi beeindrucken vor allem die Werke des noch heute unermüdlich tätigen Sängers und Produzenten Tatsuro Yamashita. Yamashita, der auch der Ehemann von Takeuchi ist, hat mit seinem Album “Four You” einen wundervoll berschwingten Klassiker geschaffen. Das Werk beeindruckt schon auf den ersten Blick mit einem der wohl schönsten Plattencover der Musikgeschichte.

Das Bild verspricht nicht zuviel: Sobald die ersten Takte des Openers “Sparkle” ertönen, fühlt man sich in die dargestellte Szenerie versetzt. Man möchte in einem Cabrio die Standpromenade entlang fahren, während die Sonne vom Himmel scheint und einem zu Yamashitas Musik der Wind um die Ohren weht.

Erst kürzlich hat dieser übrigens den Titelsong zu Mamoru Hosadas Anime Mirai – Das Mädchen aus der Zukunft  (未来のミライ, Mirai no Mirai ) beigesteuert. Der Film wird am 28. Mai im Rahmen der vom Label Kazé veranstalteten “Anime Nights” auch im Kino zu sehen sein. Die TR-Redaktion hat  Yamashita zudem im Verdacht, unter dem Pseudonym “JUNK YAMA” einen Song zum Sci-Fi-Anime Space Dandy beigesteuert zu haben. Dies ließ sich jedoch nicht zweifelsfrei verifizieren.

Ob man der 80er-Nostalgie nun kritisch oder bejahend gegenübersteht – nichts spricht dagegen, sich auf einen musikalischen Strandausflug zu begeben und sich in der Vorfreude auf den kommenden Sommer zu verlieren.

 

PASSENDES

Suche

Archiv