Die Welt neu entdecken: YOTSUBA&!

Die Welt neu entdecken: YOTSUBA&!

Der Alltag hält für Erwachsene nur selten Überraschungen bereit. Für kleine Kinder aber bedeutet jeder Tag ein neues Abenteuer. Mit YOTSUBA&! versetzt Autor Kiyohiko Azuma den Leser in die unbeschwerte Zeit der Kindheit zurück, in der die Welt nur darauf wartet, entdeckt zu werden.

Die kleine Yotsuba ist gerade fünf Jahre alt, als sie mit ihrem Adoptivvater in die ruhige Vorstadt zieht. “Yotsuba” bedeutet auf deutsch Kleeblatt und beschreibt exakt den Schnitt ihrer grünen Haare. Will man ihren Charakter beschreiben, so trifft zu, was auf den ersten Blick auf viele Kinder ihres Alters zutrifft: Chaotisch, energiegeladen, neugierig. Und vielleicht ein klein wenig – um es mit den Worten ihres Vaters zu auszudrücken – “seltsam”.

Denn Yotsuba blickt mit Staunen, aber nicht ganz ohne Argwohn auf die scheinbar normalsten Dinge der Welt: Wie funktioniert eine Türklingel? Wie schaukelt man? Sie verkörpert diese unschuldige Art von “seltsam”, mit der man auch Kindergartenkinder beschreibt, die ihre selbstgebackenen Sandkuchen essen. Ihrem scheinbar endlosen Entdeckungs- und Tatendrang folgend, lernt Yotsuba schon früh die Nachbarsfamilie Awase kennen. Die drei Schwestern – Studentin Asagi, Oberschülerin Fuuka und Grundschülerin Ena – sind schon bald Gefährtinnen in vielen Abenteuern Yotsubas und gehören zusammen mit Takashi “Jambo” Takeda, Vater Yosukes riesigem Freund, zu den wenigen in der Story erscheinenden Figuren.

Auf Schritt und Tritt dabei

Auch wenn der Charakter Yotsubas einige Fragen aufwirft, zum Beispiel warum sie bei einem Adoptivvater wohnt oder woher sie eigentlich ursprünglich kommt (einmal danach gefragt, deutet sie ratlos mit ihrem Finger in eine zufällige Richtung und sagt nur “von dort”), so wird dies im Manga nicht thematisiert, da es schlicht keine Rolle spielt. Tatsächlich lässt sich die Handlung in wenigen Worten umreißen: Der ganz normale Alltag einer Fünfjährigen. Fahrradfahren lernen, Einkaufen im Supermarkt mit Papa, ein Besuch im Zoo.

Das “&” in den Übersetzungen wird im japanischen mit dem Hiragana と (to) geschrieben, was dann auf den Titel bezogen “Mit Yotsuba” bedeuten kann. Oder auch “Yotsuba mit…”, womit häufig die Kapitelnamen beginnen. Die meisten Kapitel sind abgeschlossene Episoden, deren jeweilige Handlung keine Auswirkung auf den übergeordneten Verlauf der Geschichte hat. Ab und zu kommt es aber auch vor, dass im ersten Kapitel eines Bandes ein Ausflug geplant wird, der dann im letzten Kapitel desselben Bandes stattfindet, sodass der Band als solcher wie eine abgeschlossene Einheit wirkt. In den dazwischen liegenden Kapiteln fiebert Yotsuba dem Trip nervös und ungeduldig entgegen, eben so, wie man es von einem kleinen Kind erwarten würde. Wenn es dann soweit ist, freut sie sich natürlich riesig, und der Leser mit ihr.

Genau darin liegt die Stärke, die Yotsuba&! zu einem Manga macht, der in Sachen Herzlichkeit und Charme seinesgleichen sucht: Mangaka Kiyohiko Azuma schafft es, dass man sich in seine eigene Kindheit zurückversetzt fühlt, indem man sich mit einer Fünfjährigen identifiziert und die Welt durch ihre Augen sieht. Verstärkt wird dieses Gefühl dadurch, dass viele Szenen ohne Worte auskommen, und der Leser sich in Yotsuba hineinversetzen muss.

Ein Beispiel: Yotsuba bekommt von ihren Nachbarn einen prall gefüllten Sack Nashi (jap. Birnen) mit, welche sie ihrem Vater bringen soll. Auf dem Heimweg erblickt sie eine vorbeistromernde Katze. Sofort ist ihre Neugier geweckt. Sie beginnt auf Zehenspitzen, der Katze nachzuschleichen. Als diese mit einem Satz auf eine hohe, dünne Mauer springt, muss Yotsuba sich behelfsweise mit wackeligen Knien über ein abgestelltes Fahrrad nach oben schwingen. Mit ausgestreckten Armen balanciert sie hinterher, bis die Katze am andern Ende hinunter hüpft und verschwunden ist. Mit mulmigem Gefühl schaut Yotsuba von der hohen Mauer runter. Sie nimmt all ihren Mut zusammen und springt hinab, wobei sie bei der Landung wegen der schweren Birnen in die Knie gezwungen wird, sodass der Sack auf den Boden knallt. Stolz auf ihre Tapferkeit, setzt sie ihren Heimweg fort. Zuhause angekommen, verkündet sie ihrem Vater feierlich, sie habe eine Überraschung mitgebracht. Bevor sie die ihrem Vater übergibt, schaut sie jedoch selbst noch einmal in den Sack und ist schockiert. Weder der Vater noch der Leser sehen den Inhalt, doch wer aufgepasst hat, kann sich denken, dass nur noch Birnenbrei übrig ist.

Bis zu Yotsubas Ankunft zu Hause wird nicht gesprochen und es bleibt dem Leser überlassen, sich Bild für Bild in ihren Kopf hineinzuversetzen. Es bereitet dabei eine heiden Freude, ihr dabei zuzusehen, wie sie durch die Welt tapst und alle Fehler und Erfahrungen zum ersten Mal durchlebt. Da man sich als erwachsener Leser schon über die Konsequenzen von Yotsubas Handeln im Klaren ist, zaubert es einem ein Grinsen aufs Gesicht zu sehen, wie sie erwartungsgemäß genau das tut, was man selbst als Kind an ihrer Stelle wohl getan hätte. Ihr einerseits beim Erwachsenwerden von außen zuzusehen und gleichzeitig in seine eigene Kindheit zurückversetzt zu werden, erzeugt ein herzerwärmendes Gefühl.

Der beste Tag ist immer heute

Der realistische Zeichenstil Azumas besticht durch seine detailgetreue Darstellung einer japanischen Kleinstadt. Wer selbst schon in Japan war, wird das gewohnte urbane Straßenbild mit seinen dicht an dicht stehenden Strommasten und an den Häuserwänden hängenden Klimaanlagen erkennen. In den Häusern findet man ausgerollte Schlaf-Futons und Hightechtoiletten. Draußen stößt man auf die typischen Konbinis (kleine 24-Stunden-Supermärkte) mit ihren Bento-Regalen, gefüllten Hefeklößen und Instant-Nudelsuppen. So vermittelt die Serie einen authentischen Einblick in das alltägliche Leben in Japan.

Die ruhig erzählten Geschichten mit ihren unkomplizierten Dialogen versetzen den Leser in eine heitere Stimmung. Dies beginnt schon bei den einzelnen Manga-Covern, die den Leser mit schönen Zeichnungen und im Original auch mit kitschig-poetischen Phrasen der Sorte „Der beste Tag ist immer heute“, „Die Schatztruhe des Alltags auch heute öffnen“, oder einfach „enjoy everything“ in ihre warme Welt einladen. Mit Yotsuba&! gelingt Kiyohiko Azuma durchweg das Kunststück, bei erwachsenen Lesern Erinnerungen daran zu wecken, was es heißt, ein sorgloses Leben zu führen.

Die Serie erscheint seit 2003 im japanischen Manga-Magazin Dengeki Daioh. Im April 2018 erschien der 14. Band. Eine Anime-Umsetzung ist derweil nicht geplant, da sich laut Azuma der Stil des Mangas dazu nicht eigne. In Deutschland hat Tokyopop bis dato die Bände 1-13 veröffentlicht.

Kiyohiko Azuma: Yotsuba&!. Tokyopop 2007. 6,50 Euro

 

Bildnachweis: © 2003 Kiyohiko Aszuma/Yotsubato Sutazio, Kadokawa Corporation, Tokyo.

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