Momente des Glücks: SOLANIN

Momente des Glücks: SOLANIN

Inio Asanos Manga-Klassiker SOLANIN erzählt von jungen Menschen, deren Lebensträume hinter der Tristesse des Erwachsenenalltags zu verschwinden drohen. Regisseur Takahiro Miki hat sich an eine Realverfilmung gewagt. Wird sie der von Lesern und Kritikern gefeierten Vorlage gerecht?

Inio Asano ist ein Mangaka, der einer ganzen Generation aus der Seele sprechen dürfte. In vielen seiner Werke verhandelt er Fragen jugendlicher Selbstfindung und die Zukunftsperspektiven junger Menschen, die in der heutigen Welt immer grauer erscheinen. Eine Erfüllung ihrer Träume ist den meisten seiner Protagonisten nicht vergönnt: In einer von Monotonie und dem Zwang zu sozialer Unterordnung geprägten Gesellschaft ist für die Selbstverwirklichung des Einzelnen kein Platz vorgesehen.

Dennoch ist sein zweiteiliger Manga Solanin eines jener Werke, das nicht in einer depressiven Stimmung ertrinkt, und in dem immer mal wieder ein Sonnenstrahl das Grau des Himmels durchbricht. Möglicherweise ist es damit das zugänglichste Werk in Asanos Œuvre. Es ist bislang auch das einzige geblieben, welches mit einer (zu Unrecht kaum bekannten) Realverfilmung bedacht wurde.

Deren Protagonistin Meiko (Miyazaki Aoi) fristet ihr Dasein als Officelady (also, als typische weibliche Büroangestellte), was ihr mehr Frust als Freude bereitet. Ihr Freund Taneda (Kora Kengo), der sich als Schmarotzer bei ihr zu Hause eingenistet hat, geht seinem ebenfalls eintönigen Halbtagsjob als Illustrator nach – wenn er nicht gerade mit seiner Gitarre beschäftigt ist. Eines Tages reicht es Meiko: Sie schmeißt ihren Job hin, in der vagen Hoffnung, dadurch Klarheit über ihren weiteren Lebensweg zu gewinnen. Doch das ist leichter gesagt als getan. Taneda wird derweil unruhig, da die finanzielle Lage der beiden zusehends brenzlig wird. Sein Lebenswunsch, Musiker zu werden, droht zu scheitern.

Im trostlosen Hier und Jetzt

Solanin gehört zweifelsohne zu den gelungen Manga-Realverfilmungen. Regisseur Takahiro Miki orientiert auf eine recht werkgetreue Umsetzung der Vorlage; deren sparsam eingestreute fantastische Elemente (bei denen es sich freilich auch schlicht um Traumsequenzen handeln könnte) finden jedoch keinen Eingang. Der Film verzichtet auf großen Schnickschnack; er wirkt geerdet und auf seine Figuren fokussiert.

Zuallererst sind da natürlich das Duo Meiko und Taneda, die zwischen den Pflichten des Erwachsenenlebens und dem Verfolgen ihrer jeweils eigenen Lebensträume gefangen sind. Dieses Spannungsverhältnis zieht auch immer wieder Konflikte zwischen den beiden nach sich. Meiko und Taneda erscheinen als Träumer, die gleichwohl ahnen, dass das trost- und traumlose Hier und Jetzt am Ende die Überhand gewinnen wird.

Dennoch versucht Taneda, dem dadurch entstehenden Druck irgendwie zu entfliehen, während seine Freunde allmählich in den Trott des Erwachsenenalltags fallen. Als charmante Gegensätze agieren dabei Billy (Kiritani Kenta), der nach Feierabend den Apothekermantel gegen eine rockige Ledergarnitur eintauscht, und Katou (Kondo Yoichi), der durchschnittlicher nicht sein könnte. Seinen Figuren begegnet der Regisseur mit Respekt: Es gibt keinen Comic Relief in Form von Witzen auf ihre Kosten. Selbst ein alter Mann, der die glücklich dreinblickende Froschstatue vor Billys Apotheke mit einem Briefkasten verwechselt, erscheint nicht als lächerliche Figur. Seine Beweggründe, die er im weiteren Verlauf offenbart, vermögen einem das Herz zu brechen.

Eine melancholische Schönheit

Wer mit Asano vertraut ist, weiß um dessen Fähigkeit, Schlüsselmomente gekonnt mit figurenlosen Panels zu illustrieren. Diese Szenen kann der Leser dann selbst zu Ende denken. Der Film hingegen verzichtet dankenswerterweise auf solche kaum umzusetzenden Stilmittel, und besinnt sich stattdessen auf die audiovisuellen Stärken des eigenen Mediums. Optisch mag er nur durchschnittlich wirken; auch ist das Schauspiel gerade der Hauptdarsteller mitunter etwas steif geraten. Gerade das macht jedoch auch einen Teil seines Charmes aus und lässt ihn authentischer wirken als so manches aufwändig produzierte Hochglanzdrama.

Gekonnt werden die Sorgen junger Menschen verhandelt, die ziellos vor sich hertreiben, ihre Träume aufgeben und sich schließlich dem System unterordnen müssen. Dennoch sind ihnen auch Momente der Freude vergönnt, in denen sich eine melancholische Schönheit des Lebens entfaltet. Diese wird etwa während der wundervollen Feuerwerksszene am Strand spürbar, in der für einen kurzen Moment alle Sorgen vergessen scheinen.

Regisseur Miki wird damit der Vorlage gerecht und gewährt ihr zudem die zusätzliche Ebene der Musik, die im Manga – den medialen Umständen entsprechend – lautlos bleiben muss. Gerade durch die Musik kommt der Zuschauer den Figuren nahe, die ihre Emotionen in den rockigen, fast schon punkigen Sounds in die Welt hinausschreien. Allein deshalb sollte man diese Interpretation von Solanin auch als Leser der Vorlage gesehen haben.

Und wie könnte ein solcher Film besser enden als mit einer mitreißenden Performance des titelgebenden Songs von Asian Kung-Fu Generation, die noch einmal richtig Mut zum Aufbruch spendet?

 

Solanin, Regie: Takahiro Miki, Japan 2010. Der Film erschien 2010 auf DVD bei Asmik Ace Entertainment in Japan. Link zum Trailer (Youtube).

Bilder/Images © Asmik Ace Entertainment 2010

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