Der Urknall des Clamp-Universums

Der Urknall des Clamp-Universums

Wie entsteht eigentlich eine Welt? Zumindest die Wissenschaft ist sich heute weitgehend einig darüber, dass ein Urknall unser Universum schuf. Das Universum des Manga-Zeichnerinnenzirkels Clamp lässt eher an die biblische Erzählung denken: “Am Anfang war das Wort…”. Oder auch: Am Anfang war das Bild.

Clamp gründete sich Mitte der 1980er-Jahre als Dōjinshi-Zirkel ausschließlich weiblicher Mangaka. Als Dōjinshi (jap. 同人誌, kurz für dōjin zasshi同人雑誌, „Zeitschrift von und für Gleichgesinnte“) bezeichnet man einen von nicht professionellen ZeichnerInnen im Selbstverlag herausgegebenen Manga. Weil sie auf bereits bestehende Werke referieren und Figuren und/oder Teile des Plots aufgreifen, gegebenenfalls weiter- oder umerzählen, zählen sie zu den sogenannten Fanzines und werden auch als Fan-Art bezeichnet. Der Begriff Fan-tasie erhält hier eine ganz neue Bedeutung. (Wer jetzt vermutet, dass es Probleme mit dem Urheberrecht an Figuren geben müsste, liegt falsch: Die Dōjinshi werden kommerziell verkauft und von den Verlagen toleriert, da sie letztlich auch eine Art von Werbung für die Originale darstellen.

Im Falle von Clamp waren dies Dōjinshi von Mangas wie Jojo’s Bizarre Adventure, Captain Tsubasa und Saint Seyia. Die damals zwölfköpfige Gruppe traf sich etwa einmal im Monat – die Mitglieder lebten hauptsächlich in Osaka und Kobe – und tauschten Ideen aus. Weil ihre Werke erfolgreich waren, entschlossen sich 1987 sieben der Zeichnerinnen, professionell an einem ersten Original-Werk zu arbeiten: RG Veda.

RG Veda: Androgyne Götter sprengen Shōjo-Konventionen

Auch für RG Veda bediente sich Clamp anderer Ideen. Diesmal allerdings nicht aus anderen Mangas, sondern aus der vedischen Mythologie. Der Titel geht zurück auf das Rigveda. Dieses ist die erste der vier Veden, der ältesten Überlieferungen religiöser Schriften im Hinduismus. Aus dem Rigveda entliehen sind außerdem verschiedene Namen und Charaktere, u. a. die von Ashura, der Hauptperson des Mangas.

Der Plot der Geschichte verläuft grob wie folgt: Nachdem Ashura aus einem 300-jährigen Schlaf erwacht, macht er* (im Manga/Original ist Ashura geschlechtslos, viele Übersetzungen benutzen männliche, manche aber auch weibliche Pronomen) sich zusammen mit seinem Hüter Yasha auf die Suche nach den verbleibenden „6 Sternen“. Diese sollen einer Prophezeiung zufolge den Tyrannen Taishakuten, der vor 300 Jahren gegen den himmlischen Herrscher rebellierte und dabei auch Ashuras Vater, den damaligen König Ashura, tötete, nun ihrerseits stürzen. Während ihrer Reise merken die Sterne bald, dass auch Ashura, der außergewöhnlich schnell heranwächst, eine dunkle Seite hat, die zunehmend Gefallen an Zerstörung und Gewalt findet. Hier kommt er dem Bild der Ashura aus den Veden nahe, bei denen es sich um dämonenartige Wesen handelt, die als Gegner der Lichtwesen gelten. Für einen Shōjo-Manga (Zielgruppe Mädchen/junge Frauen) finden sich in RG Veda daher ein paar ungewöhnliche Szenen, nämlich viel Action und an einigen Stellen explizite Darstellungen von Gewalt. Von der Niedlichkeit typischer Shōjo-Manga ist in RG Veda wenig zu sehen. Wohl aber das, was auch in vielen späteren Serien als Clamp-typischer Stil zu sehen ist: Sehr “schön” gezeichnete Charaktere, die fast schon einen Kontrast zur zeitweise grausamen Storyline darstellen. Insbesondere mit der Darstellung der männlichen Charaktere, die sich in ihrer Detailliertheit nicht von den weiblichen unterscheiden, selten muskelbepackt, sondern eher androgyn dargestellt werden, wich RG Veda von genretypischen Darstellungen ab.

RG Veda: Ashura als Kind und als Erwachsener

Während der Veröffentlichung von RG Veda verließen drei Mitglieder die Gruppe, sodass Clamp seit 1991 aus der Vierer-Konstellation besteht, in der sie noch heute arbeiten: Nanase Ohkawa, Mokona, Tsubaki Nekoi und Satsuki Igarashi. Lange war  über diese vier nichts bekannt: Clamp gaben weder Interviews, noch gelangten Fotos der Zeichnerinnen an die Öffentlichkeit. Erst im Jahr 2004 wurde eine Fotostrecke mit einzelnen Berichten zu den vier Mitgliedern veröffentlicht. Seitdem treten sie hin und wieder auf Anime-Messen auf oder geben Interviews.

Eine seltene Form von Teamwork

Was aber hat es nun mit dem erwähnten „Clamp-Universum“ auf sich? Wozu die lange Erklärung zu Dōjinshi und zur Zusammensetzung des Teams?

Nun, ohne diese Erklärungen wäre manches wohl nicht begreifbar. Hinter Clamp verbergen sich nämlich nicht vier einzelne Mangaka, die an ihren eigenen Werken zeichnen und unter einem Namen veröffentlichen. Vielmehr sind schon seit Beginn alle Mitglieder in alle Werke involviert, jede hat Teil an den Geschichten. Jahrelang gaben Clamp an, wer welche Rolle übernommen hatte: Mal war Mokona Hauptzeichnerin, dann wieder Nekoi, während sich Nanase um Skript und Satsuki sich um restliche Aufgaben kümmerte. Mittlerweile scheint diese Rollenverteilung aufgeweicht zu sein, zumindest geben Clamp in ihren Manga nicht mehr an, wer welche Aufgaben übernimmt.

Ob sich die unterschiedliche Aufgabenverteilung auf ihr Schaffen ausgewirkt hat? Jedenfalls war die Gruppe seit ihrem Debüt sehr produktiv, über 20 abgeschlossene und 7 (noch) nicht abgeschlossene Serien sind nicht nur in Japan, sondern auch in zahlreichen Übersetzungen erschienen. Mit über 100 Millionen verkauften Mangas (die Magazine, in denen die Serien erscheinen, nicht eingeschlossen) gehören Clamp zweifellos zu den international erfolgreichsten Mangaka.

Der große Erfolg lässt sich aber nicht allein auf die hohe Produktivität zurückführen. Wenn man sich das Gesamtwerk heute anschaut, wird deutlich, dass sich die Clamp-Mitglieder nicht nur stilistisch ergänzen und weiterentwickeln. (Und alleine Stil, Charakterdesign und -entwicklung wären einen eigenen Beitrag wert.) Ihr Werk weist eine unheimliche Vielfalt an Genres und Themen auf, die sich selten bei einem einzelnen Mangaka finden lassen. Ein paar Höhepunkte aus immerhin 30 Jahren professionellen Zeichnens: Tokyo Babylon (1990-1993, Mystery/Drama/Shounen Ai),  X (1992- 2003 gestoppt, Fantasy/ Drama/ Supernatural/ Thriller), Magic Knight Rayearth (1993-1995, Magical Girl/ Fantasy/ Isekai (andere Welten)/ Mecha), Card Captor Sakura (CCS, 1996-2000, Magical Girl/ Romance), xxxHolic (2000-2003, seit 2013 Fortsetzung in xxxHolic: Rei, Dark Fantasy) und Tsubasa: Reservoir Chronicle/TRC (2003-2009, Adventure/ Fantasy/ Romance).

Mantras, Magie und die Mode der 1980er: Der Klassiker Tokyo Babylon

Doch obwohl die einzelnen Manga verschiedenen Genres angehören, verknüpfte Clamp sie von Anfang an miteinander. Und das gilt nicht nur für Werke, an denen parallel gearbeitet wurde, sondern auch für chronologisch nacheinander erscheinende Werke. Wie aber werden diese Verknüpfungen hergestellt?

Einerseits durch wiederkehrende Themen: Das Schicksal, bzw. der Kampf gegen dasselbe spielt in Clamps Welt eine wichtige Rolle. Viele Charaktere sind schicksalhaft miteinander verbunden, für eine Rolle auserkoren oder wehren sich dagegen, in selbige gezwängt zu werden. Der  in RG Veda dargestellte Kampf gegen Ashuras Schicksal, Zerstörung über die Welt zu bringen, ist ein solches Beispiel. Auch die schicksalhaften Verbindung zwischen Syaron und Sakura (CCS, TRC) sowie Subaru und Seishiro (Tokyo Babylon, X, TRC) gehören zu den tragenden Elementen ihrer Geschichten. Und andererseits eben durch das Clamp-Universum. Und Cameos, sehr viele Cameos.

Das Clamp-Universum: Wo bin ich und wenn ja, wie viele?

Noch eine Bemerkung am Rande, ohne die die folgenden Gedanken keinen Sinn machen. Es gibt im Clamp-Universum nicht die eine Welt mit einem linearen Zeitstrahl. Stattdessen gibt es Parallelwelten, zwischen denen auch mal munter hin und her gereist wird. (Für die Fantasy- und Scifi-Fans unter euch: Schon klar, ne? Wie soll man auch ohne Parallelwelt sonst eine Apokalypse abwenden oder rückgängig machen. Von Zeitreisen fange ich gar nicht erst an.)

Als langjährige Leserin von Clamp frage ich mich manchmal, ob das Clamp-Universum als ultimativer Fanservice oder aus einer konzeptionellen Idee heraus geboren wurde. Möglicherweise auch aus beidem?

Was ich damit meine, ist dies: Schon früh baute Clamp auf zweierlei Art Gastauftritte in ihre Werke ein: Bereits seit den 90er Jahren gibt es etwa wiederkehrende Orte. Entweder sind diese Orte verschiedener Handlungen (z. B. die Clamp-Schule in Clamp School Detectives und in Magic Right Rayearth) oder sie tauchen als eine Art Gag, aber ohne größere Bedeutung in verschiedenen Welten auf (z. B. die Piffle-Company und das Piffle-Princess, die mal als Marke, Café, Modelabel oder Geschäft auftauchen).

Für Fans meiner Meinung nach noch attraktiver: Auch Charaktere tauchen wieder auf. Und da gibt es eine ganze Reihe von Möglichkeiten und Plottwists, durch die das geschieht. Cameo A: Eine Figur hat einen Gastauftritt in einem anderen Werk. Es handelt sich um dieselbe (!) Person. Cameo B: Die Geschichte einer Figur wird in einem anderen Manga weitergeführt. Immer noch dieselbe (!) Person. Cameo C: Ein Charakter gleichen Namens und Aussehens wie eine bereits bekannte Figur taucht in einem anderen Werk auf.

Klingt verwirrend? Ist es auch, zumindest ein bisschen. Vor allem, da sich insbesondere Cameos der Kategorie C schwer identifizieren lassen. (Ein wunderbares Beispiel dafür, warum “der gleiche” und “derselbe” unterschiedliche Bedeutungen haben.) Warum diese Unterscheidung schwer fällt?

Beispielsweise, weil manche Werke erst in einem anderen Werk ein Ende erhalten. Das trifft möglicherweise auf X zu, eine Serie, die Clamp auf ihrem Höhepunkt abbrach. In Tsubasa: Reservoir Chronicle (TRC), deren HeldInnen durch Parallelwelten reisen gelangen die Protagonisten in eine Welt, die der nach einer möglichen Apokalypse in X sehr ähnlich sieht. Aber eben nur ähnlich, denn bereits gestorbene Charaktere sind hier wieder lebendig oder haben die Seiten gewechselt. Sicherlich ließe sich dafür eine Erklärung finden, aber leider verrät auch Clamp nicht, ob X nun in TRC ein Ende gefunden hat oder nicht.

Manche Manga erhalten auch ein (scheinbar) neues Ende. Dazu gehört zum Beispiel RG Veda, dessen Geschichte mit der Wiederzusammenführung zweier Charaktere – einer davon Ashura – endete. Genau diese beiden Charaktere führen nun in der Welt, in der die ProtagonistInnen reisen, gegeneinander Krieg. Und so stellt sich die Frage: Dieselbe Welt und dieselben Charaktere oder nur ähnliche?

Ashura in Tsubasa Reservoir Chronicle

Fixpunkte und Weltensprünge

Wie euch vielleicht schon aufgefallen ist, fällt der Name Tsubasa: Reservoir Chronicle häufig. Dies hängt damit zusammen, dass der Plot des Werkes dieses quasi zum ultimativen Crossover macht: Um die Erinnerungen von Sakura (wie in Card Captor Sakura), die über verschiedene Welten verstreut sind, wieder zu erlangen, müssen die HeldInnen möglichst viele Welten bereisen. Dabei kommt es zu so vielen Crossovers und Cameos, dass diese unmöglich hier aufgeführt werden können. Wer sich spoilern möchte, kann sich gerne mal diese Seite anschauen.

Einen Gegenpol, nämlich einen Fixpunkt im Clamp-Universum, bietet xxxHolic (2003-2011). Holic ist der Ort, an dem Menschen zusammenkommen und Zusammenhänge aufge- und erklärt werden. Der Plot gestaltet sich so: Gäste aus verschiedenen Welten besuchen die Hexe der Dimension, um sich Wünsche erfüllen zu lassen. Mit unerwarteten Folgen, denn jeder Wunsch hat seinen Preis. Dass TRC und Holic eng verbunden und zentral für das Clamp-Universum sind sieht man übrigens auch daran, dass Begegnungen ihrer ProtagonistInnen in beiden Manga quasi als Spiegelbild gezeigt werden.

Fazit: Warum Clamp?

Was mich an Clamp fasziniert ist, dass ich nach Jahren des Lesens und Wiederlesens immer noch neue Verbindungen zwischen den Werken entdecke. Clamps Universum ist so groß, dass es fast unmöglich scheint, all ihre Geschichten und Charaktere im Kopf zu behalten. Und sicherlich habe ich manche Geschichten lieber gelesen als andere, hat mir der Zeichenstil eines Werkes besser gefallen als der eines anderen.

Muss man alle Geschichten von Clamp lesen, um sich in ihrem Universum zurecht zu finden? Nein, eigentlich lassen sich alle Reihen auch als eigenständige Werke rezipieren. Manche sind eben mehr, manche weniger mit anderen Werken verknüpft. Und ganz ehrlich: Wenn man sich mit einer Geschichte überhaupt nicht anfreunden kann, muss man diese auch nicht lesen, nur weil Clamp drauf steht. Wer aber erstmal offen für Clamp ist, wird eine einzigartige Vielfalt in einer Welt entdecken und kaum aufhören können zu lesen.

Wo aber anfangen? Als ein Einstiegswerk empfehle ich xxxHolic. Die Geschichte ist eher düster, aber nicht brutal bzw. sehr actionreich, wie es etwa RG Veda und X sind. Mir haben hier die Entwicklung der Charaktere und der sehr eigene Shōnen-Stil gefallen. xxxHolic ein guter Ausgangspunkt um zu schauen, ob man sich noch für andere Werke wie TRC interessiert und ob der düstere Faktor, der sich in einigen Werken findet, einen anspricht. Quasi als Gegenstück hierzu empfehle ich Card Captor Sakura. Dieser ist ohne Zweifel einer von Clamps “mädchenhaftesten” Mangas: Die Protagonistin ist eine Schülerin mit magischen Fähigkeiten, deren Aufgabe es ist, verschiedene “Karten” zu fangen. Magischer Begleiter, süße Kostüme, ein Rivale im selben Alter, blumige Hintergründe, von düsterer Stimmung kaum eine Spur: Clamp scheint mit Gegensätzen zu spielen. Doch ein Universum, im eingangs beschriebenen Sinn, muss das wohl aushalten.

Kawai, keine Frage: Szene aus Card Captor Sakura

 

Clamp: Card Captor Sakura. Carlsen, Hamburg, ab 1996. Nur noch antiquarisch erhältlich.

Dies.: Card Captor Sakura Clear Card Arc (Nachfolgeserie). Carlsen, Hamburg, ab 2018. Bisher 5 Bände, jeweils 6,50 Euro.

Dies.: RG Veda Master Edition. Crosscult, Ludwigsburg 2019. Bisher 2 von 4 Bänden erschienen, jeweils 28,00 Euro

Dies.: Tsubasa: Reservori Chronicle. Carlsen, Hamburg, ab 2004. Nur noch antiquarisch erhältlich.

Dies.: X. Carlsen, Hamburg, ab 2001. Nur noch antiquarisch erhältlich.

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