DOROHEDORO: Berauscht durchs Zauberland

DOROHEDORO: Berauscht durchs Zauberland

In DOROHEDORO dienen magische Türen als Portale zwischen zwei Welten. Da wie dort kämpfen Menschen gegen Zauberer – doch die Grenzen verschieben sich. Q Hayashidas psychedelischer, mit Horrorelementen angereicherter Dark Fantasy-Reigen ist ein grafisches und erzählerisches Meisterwerk.

Wer seit seinem neunten Lebensjahr Mangas liest, hat mit Mitte 30 schon einiges gesehen. Gerne gibt man sich dann wehmütigen Erinnerungen an die erste Dragonball– oder Ranma-Lektüre hin – an Zeiten, in denen man fähig war, die eigene Umgebung gänzlich auszublenden und voller Begeisterung mit der Welt seines Lieblingsmangas zu verschmelzen. Ein solches Gefühl wird mit den Jahren seltener, es weicht mitunter dem Überdruss. Kommt das Gefühl einmal zurück, will man es dafür umso mehr umarmen.

Dorohedoro vermochte den Autor dieser Zeilen erneut in den beschriebenen Leserausch zu versetzen. Es ist ein Manga, wie man ihn auch nach der Lektüre von unzähligen anderen Mangas noch nicht gesehen hat. Am ehesten könnte man die Serie vielleicht als eine mit Horror- und Splatterlelementen versehene, dystopische Dark Fantasy-Erzählung bezeichnen. Einzelne Genre-Elemente mögen vertraut erscheinen – und dennoch laufen die Dinge in Dorohedoro anders.

Beispielsweise verzichtet die 1977 geborene Zeichnerin und Autorin Q Hayashida auf unnötige Expositionen. Sie vermeidet es also weitestgehend, mittels der beliebten „Es war einmal“-Texttafeln oder ähnlichem als Erklärbärin zu fungieren. Stattdessen wird aus der Handlung heraus nach und nach sichtbar, was ihre Welt im innersten zusammenhält. Auf eine subtile Weise bringt sie den Leser so dazu, ihr surreal anmutendes Szenario einfach als gegeben zu akzeptieren. Hayashidas erzählerischen Fähigkeiten ist es zu verdanken, dass die Geschichte dabei, trotz im besten Sinne wilder Sprünge, nie zum selbstzweckhaften Verwirrspiel wird oder ins Konfuse abgleitet. Es bleibt es dem Leser überlassen, sich die Bedeutung einzelner Dinge zu erschließen, die erst spät (oder gar nicht) explizit erklärt werden: Warum zum Beispiel tragen alle Bewohner der Magierwelt eine Maske? Die Autorin wirft ihr Publikum ins kalte Wasser – doch man weiß schon nach wenigen Seiten, dass man gar nicht mehr zurück ans Ufer will.

Auf die Freundschaft: Nikaido und Caiman bei Gyoza und Bier

Von Echsenmenschen und Zauberpaten

Zunächst begegnet man den Protagonisten an einem nur als „Hole“ (also, als Loch) bezeichneten Ort. Dieser wird von Zauberern heimgesucht, die durch Dimeinsionstüren ins “Hole” eindringen und seine Bewohner als Versuchskaninchen für ihre magischen Experimente missbrauchen. Caiman, der mal ein junger Mann gewesen sein mag, wurde im Zuge dessen in einen Echsenmenschen verwandelt. Gemeinsam mit seiner guten Freundin Nikaido, die nebenher noch ein Restaurant betreibt, macht er nun Jagd auf die ins “Hole” eindringenden Zauberer. Zugleich versucht Caiman herauszufinden, wer er eigentlich war bzw. ist: Bruchstückhafte Erinnerungen an eine dunkle Gasse, wo ihn Nikaido nach seiner Verwandlung einst auflas, verfolgen ihn in seine Träume. Und wer in aller Welt ist außerdem der Typ, der in seinem Rachen (!) zu stecken scheint? Ist er vielleicht Caimans altes bzw. wirkliches Selbst?

Selten hat es jemand geschafft, eine auf den ersten Blick etwas spinnerte Geschichte so überzeugend auszubreiten wie Q Hayashida. Ihre Charaktere sprühen vor Lebendigkeit, und werden dem Leser so schnell zu Vertrauten. Das gilt auch für die Protagonisten der Gegenseite: Mit dem Zaubererpaten En, seinen Leuten für’s Grobe Shin und Noi, und vor allem mit der häufig etwas weggetreten wirkenden Jungmagierin Ebisu besiedeln faszinierende Figuren die Welt des tatsächlichen, manchmal auch nur vermeintlichen Bösen.

Nie ohne Maske aus dem Haus: Magierin Ebisus Morgenroutine

Eine unerklärliche Leichtigkeit

Dabei sind beide Welten von äußerst rauhen Sitten geprägt: Im Kampf gegen die Magier kennen Caiman und Nikaido ebensowenig ein Pardon wie Magierfürst En, wenn er etwa regelwidriges Verhalten mit einer bösartigen Verwandlung ahndet. Die heftige, detailliert dargestellte Gewalt und die Alltäglichkeit von Grausamkeiten werden jedoch durch eine schwer erklärliche Leichtigkeit abgefedert. Man ertappt sich dabei, diese Dinge einfach zu akzeptieren, und sich dabei nicht von den Protagonisten zu entfremden. Ihre Welt ist brutal, doch sowohl im “Hole” als auch in der Magierdimension hat das schöne im Leben seinen Platz: Man kann wunderbar essen, und man kann sich verlieben.

Die ganze Szenerie wirkt zugleich nah und weit entfernt. Unwillkürlich zieht man Verbindungen ins Hier und Jetzt: Giftiger Regen, gespeist aus den Emissionen von zu viel Magie, der Mensch als Versuchskaninchen und die Unverzichtbarkeit einer Maske – die Gedanken des Lesers schweifen aus, ohne dabei von einem didaktischen Zeigefinger gelenkt zu werden. Ganz eindeutig erinnert das “Hole” manchmal an Japan; man zahlt dort beispielsweise in Yen. Doch ist dies ein unwirkliches Japan, eines, in dem Leichen an einem Torii (einem symbolischen Eingansgtor zu einem Shinto-Schrein) baumeln oder sich ein altes Herrenhaus in ein Spuklabyrinth verwandelt.

Die von Dorohedoro ausgehende Faszination beruht auch darauf, dass man nie weiß, was als nächstes passiert. Inmitten des Fortschreitens der übergeordneten Handlung bleibt immer Zeit für Episodisches und Ausschmückendes. Die Lektüre gleicht so einer Reise, bei der hinter jeder Ecke eine neue Überraschung wartet. Der Humor, nicht selten auch der Galgenhumor der Protagonisten hinterlässt den Leser beschwingt; herrliche Blödeleien (die sich auch mal über Kapital hinziehen, wenn Lebende, Untote und Unfähige sich ein Baseball-Match liefern) und Düsternis bilden ein harmonisches Ganzes.

So sieht’s aus: Eine Assoziation, die sich bei der Lektüre häufiger aufdrängt.

Auch der im schönsten Sinne rauh und dreckig anmutende Zeichenstil trägt seinen Teil zur Atmosphäre bei. In Close-Ups beweist die Zeichnerin, dass sie gleichzeitig auch das Feine und Filigrane beherrscht. Besondere Höhepunkte sind die Farbseiten: Hier jongliert Hayashida munter mit Stilelementen von der Ölmalerei bis hin zur Collage. Man befindet sich beim Betrachten der Dorohedoro-Welt bisweilen inmitten eines Wirbelsturms aus Assoziationen, reist von einem Geisterhaus in einen geradezu märchenhaften Winkel der Magierwelt und stolpert dabei über ein kleines Panel, das F.W. Murnaus Film “Nosferatu” zu zitieren scheint.

IKKI: Ein besonderes Manga-Magazin

Dorohedoro wurde im vergangenen Jahr mit dem Erscheinen des 23. Sammelbands abgeschlossen. Die Serie war ab 2000 zunächst ganze 14 Jahre in der Zeitschrift IKKI im Verlag Shogakukan erschienen. Das im selben Jahr zuerst als Spin-Off der Zeitschrift Big Comic Spirits gegründete, ab 2003 dann unter eigenem Namen erscheinende Seinen-Manga-Magazin bot eine Plattform für unkonventionelle Werke abseits des Manga-Einerleis. Auch das kürzlich verfilmte Children of the Sea wurde dort veröffentlicht. Nachdem IKKI 2014 eingestellt wurde, wanderte Dorohedoro in die kurzlebige Zeitschrift Hibana, um schließlich in Shogakukans Mainstream-Magazin Monthly Shonen Sunday seinen Abschluss zu finden. Die US-Ausgabe von VIZ kann leider nicht mit der wunderschönen, bibliophilen japanischen Fassung gleichziehen. Ab Band 4 hörte der Verlag damit auf, die (jeweils ca. 15-20) Farbseiten der Originalbände zu übernehmen; das Resultat ist ein matschiges Grau in Grau in jenen Passagen. Gleichwohl bemühte man sich um schöne Klappcover und eine Anfangs wirklich gute, ab ca. Band 5 jedoch etwas abfallende Übersetzung.

Das Furchterregende uns das Herzallerliebste liegen in Dorohedoro nahe beieinander.

Auch in seiner übersetzten Fassung ist Dorohedoro ein Manga-Meisterwerk, das seinesgleichen sucht. Wer glaubt, schon alles gesehen und gelesen zu haben, sollte so schnell wie möglich den Sprung durch Q Hayashidas magische Tür wagen.

Abschließend sei noch auf ein dankenswerterweise von “Manga Brog” übersetzes Interview mit der Autorin verwiesen. Als es in Japan veröffentlicht wurde, waren gerade 8 Bände ihres Werks erschienen. Übrigens: Auch die Manga-Vorlage des Dreamcast- und PS2-Kultspiels “Maken X” von Atlus (“Persona”-Reihe, etc…) stammt von Q Hayashida. Die drei Bände sind vor einigen Jahren sogar in einer deutschen Fassung bei Planet Manga erschienen; sie sind antiquarisch erhältlich.

Q Hayashida: Dorohedoro. Aus dem Japanischen von AltJapan Inc. [mehrere Übersetzer]. Viz Media, SanFrancisco 2010-2019. 23 Bände, jeweils 12,99 Dollar

Abbildungen aus: „DOROHEDORO by Q HAYASHIDA“ Copyright © 2002 by Shogakukan. Englischsprachige Ausgabe erschienen bei Viz Media, San Francisco, 2010.

 

 

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