Mysteriöse Langeweile: PENGUIN HIGHWAY

Mysteriöse Langeweile: PENGUIN HIGHWAY

Gleich zwei Romane von Tomihiko Morimi wurden 2019 ins Englische übersetzt. PENGUIN HIGHWAY machte den Anfang, und stellt den Leser vor einige Rätsel.

Auf die Frage nach meinem Lieblingsschriftsteller gab ich einmal zur Antwort:

Tomihiko Morimi, von dem ich noch keine Zeile gelesen habe.

Seit ich herausgefunden hatte, dass er der Verfasser der literarischen Vorlagen von Masaaki Yuasas Anime-Meisterwerken The Tatami Galaxy und The Night is Short, Walk on Girl, aber auch jener der P.A.-Works Tanuki-Serie The Eccentric Family war, wurde Tomihiko Morimi für mich zum mysteriösen Ideengeber der gegenwärtigen japanischen Anime-Landschaft. Dieser Eindruck verstärkte sich noch einmal, als vor einem Jahr auch noch Morimis Penguin Highway von Studio Colorido für die große Leinwand umgesetzt wurde.

Wenn die Umsetzungen schon so gut waren, wie müsste es erst sein, die Bücher lesen zu können?

Lange Jahre blieb das ein hehrer Traum. Der amerikanische Light Novel- und Manga-Verlag Yen Press hat dem Sehnen nun jedoch ein Ende bereitet, indem er gleich zwei Morimi-Romane ins Englische hat übersetzen lassen. Den Anfang machte im April 2019 Penguin Highway in der Übersetzung von Andrew Cunningham, vor wenigen Wochen folgte The Night is Short, Walk on Girl. Ein Blick in letzteres Buch steht noch aus, doch nach dem Leseeindruck des pinguinreichen Buches fällt es schwer, die einst gehegte Verehrung aufrecht zu halten.

Die Handlung von Penguin Highway ist schnell erzählt: der Viertklässler Aoyama wächst in einer namenlosen japanischen Kleinstadt in glücklichen familiären Verhältnissen auf. Seinem Alter ist er geistig weit voraus. Anders als für die meisten seiner Altergenossen, ist die Stadtbibliothek für ihn kein Ort der endlosen Langenweile, sondern einer der potentiellen Wissensvermehrung; jede Beobachtung in seinem Alltag hält er zudem in seinem Forschertagebuch fest, und zusammen mit seinen Klassenkameraden begibt er sich auf Expeditionen in den Wald. Dazu kommt ein frühes, dafür umso intensiveres Interesse für weibliche Brüste. Eines Tages tauchen überall Pinguine in der Stadt auf, dann stoßen Aoyama und seine Freunde kurze Zeit später im Wald auf ein seltsames Objekt. Außerdem ist da noch eine mysteriöse Zahnarzthelferin. Was hat sie mit den außergewöhnlichen Phänomenen zu tun? Weiß sie mehr über die Pinguine als sie zu erkennen gibt?

Tomihiko Morimi hat sich dazu entschieden, seinen jungen Protagonisten zum Ich-Erzähler des Romans zu machen. Wie auch in anderen Romanen, die radikal die Kinderperspektive einnehmen, sind die Sätze kurz, fast notizhaft, eine Aneinanderreihung von Welteindrücken. Meiner Meinung nach funktioniert eine solche Aneinanderreihung nur dann, wenn man als erwachsener Leser dadurch einen Eindruck der (Roman-)Welt erhält, der durch eine andere Perspektive so nicht zu gewinnen wäre. Mark Haddons The Curious Incident of the Dog in the Night-Time kommt mir als gelungenes Beispiel in den Sinn, auch Erwin Strittmachers Tinko. Was diese beiden sehr unterscheidlichen Romane eint, ist, dass durch die Kinderaugen ein erhellendes Licht auf die sozialen Verstrickungen der Erwachsenenwelt geworfen wird. Dinge, die Erwachsene längst als Widersprüchlichkeiten und Widrigkeiten des Lebens akzeptiert haben mögen, erscheinen in den Kinderaugen als als die Absurditäten, die sie tatsächlich darstellen.

Indem er Aoyama als personifiziertes Vernunftsideal präsentiert, versucht sich Morimi auch an einer solch kindlichen Klarheit, doch er scheitert. Schon nach weniger als einem Drittel des 300 Seiten umfassenden Buches ist man als Leser von den ständigen Subjekt-Objekt-Prädikat-Sätzen gelangweilt. Der Kinderblick funktioniert nicht, weil er auf eine Welt aus Pappmaché schaut. Ich bekomme als Leser kein Gefühl dafür, wie sich das Leben in Aoyamas namenloser japanischer Stadt gestaltet. Was nützt es zu wissen, dass es dort eine Zahnarztpraxis, eine Kirche, eine Universität und eine Schule gibt, wenn nicht klar wird, was diese Orte für das Stadtleben bedeuten? Die Orte sind nicht mehr als eine Kulisse für Gespräche mit der mysteriösen Zahnarzthelferin, die Aoyama nur „the lady“ nennt.

Auch die Familie des Protagonisten bleibt blass. Vater, Mutter und Schwester spielen in der Handlung des Buches keine Rolle, obwohl sie immer wieder auftauchen. Das Konfliktpotential, das Aoyamas ungestümes Jungforscherleben bietet, wird nie genutzt. Als er verkündet, nichts mehr zu essen, weil er herausfinden möchte, wie sich das anfühlt, spielt die Familie einfach mit. Dass er bis nachts mit einer Unbekannten im Café Schach spielt? Kein Problem. Allein in der Schule wird es einmal beinah traumatisch, als Aoyama seine Badehose heruntergezogen bekommt und den Alptraum-Klassiker erlebt, nackt vor der Klasse stehen zu müssen. Doch Aoyama ist einfach cool damit und zieht nackt von dannen – Ende der Szene. Als die Schul-Rowdies ihn einmal an die Bushaltestelle fesseln und auf seine Aufzeichnungen pissen(!), lässt auch dies ihn kalt. Kurzum, Aoyamas Coolness ist zum Gähnen. Noch schlimmer: er wirkt wie ein unsympathischer Klugscheißer; seine offen zu Tage getragene Liebe für Brüste nudelt sich als Running Gag ab. Nichts treibt ihn an, außer schnell erwachsen zu werden.

Bliebe noch das Mysterium um die Pinguine und sämtliche Randerscheinungen, um als Leser bei der Stange zu bleiben. Doch die Entdeckungen gehen kleinschrittig voran. Auf einen der bildhaftesten Momente gleich zu Beginn des Romans, in dem die Lady eine Coladose in einen Pinguin verwandelt, folgt lange Zeit erst mal nichts. Die Episode um das mysteriöse Objekt im Wald zieht schleppt sich dahin. Sci-Fi Anklänge hier und da, auch eine Anspielung auf Lewis Carolls Jabberwocky. Die Fäden enden allesamt im Nichts. Das Finale, in dem die Lady und Aoyama einen Abstecher in eine Endzeitwelt machen, schafft es nicht, die Mystery-Elemente zu einem überzeugenden Ganzen zusammenzufügen. Glücklos versuchte ich mich auf der Meta-Ebene zu vertrösten. Doch um bei sinnvollen Entsprechungen für Pinguine, Zahnarzthelferinnen und Sci-Fi-Problematiken zu landen, müsste man sich das Geschehen doch arg zurechtbiegen.

Als Erstkontakt mit Tomihiko Morimi ist Penguin Highway eine Enttäuschung. Wo ist der Witz geblieben? Wo der spielerische Umgang mit der japanischen Kultur? Wo die skurrilen Figuren und liebenswerten Archetypen? Morimi, dafür spricht allen voran The Eccentric Family, müsste gerade über das Thema Familie mehr zu sagen haben.

Die Übersetzung las sich flüssig, allein hier und da mutet die Wortwahl etwas abwegig an. Unvorstellbar, dass die Zahnarzthelferin ihren jungen Freund im Original mit einem Äquivalent zu „Kiddo“ anredet. Das Buch ist als schön gestaltetes Hardcover im für die US-Ausgabe neu entworfenen Schutzumschlag erschienen; weniger manga-esque als das Original, aber hübsch – nur leider ein echter Staubmagnet. Die sogenannte „Interpretation“ im Anhang ist womöglich von einem realexistierenden Viertklässler verfasst worden. Der Preis bemisst sich auf umgerechnet knapp 20 Euro.

 

Titelbild: Mareike Vetter

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